Ich werde da jetzt etwas ausholen, weil ich glaube, dass man das Thema nicht sinnvoll mit ein paar Sätzen beantworten kann.
Durch meine Reisen habe ich inzwischen sehr viel Armut gesehen. Gleichzeitig hat mir der dauerhafte Aufenthalt im Ausland aber auch gezeigt, dass Geld eben nicht alle Probleme löst. Das klingt in einem Finanzforum vielleicht erstmal etwas komisch, aber je länger ich darüber nachdenke, desto wichtiger wird dieser Punkt für mich.
Das wichtigste Gut ist für mich letztlich nicht Geld, sondern das Leben selbst und die Zeit, die wir dafür haben. Geld kann uns Möglichkeiten geben, kann Leid reduzieren, kann Nahrung, Medizin, Unterkunft oder Bildung ermöglichen. Aber Geld ist immer nur ein Werkzeug. Es kann nicht automatisch dafür sorgen, dass ein Mensch sein Leben sinnvoll gestaltet, glücklich wird oder selbstständig mit seinen Problemen umgehen kann.
Ich habe durch meine Zeit im Ausland außerdem angefangen, etwas anders über Abhängigkeit nachzudenken. Wenn jemand immer wieder Hilfe bekommt, kann diese Hilfe natürlich enorm wichtig sein und im richtigen Moment sogar Leben retten. Aber sie kann gleichzeitig auch eine gewisse Reibung aus dem Leben nehmen. Und genau diese Reibung ist manchmal das, was einen Menschen zwingt, selbst eine Lösung zu finden.
Das klingt zunächst vielleicht hart. Ich meine damit ausdrücklich nicht, dass man Menschen verhungern lassen sollte oder dass man einem Menschen in einer akuten Notlage nicht helfen sollte. Wenn jemand unmittelbar vor dem Verhungern steht, ist Nahrung natürlich wichtiger als jede philosophische Diskussion darüber, ob Hilfe langfristig sinnvoll ist.
Aber der Mensch besitzt einen unglaublich starken Überlebensinstinkt. Wenn wirklich die Situation eintritt, dass jemand Nahrung braucht, um nicht zu sterben, setzt etwas ein, das wir im normalen Alltag kaum noch erleben: Der Mensch beginnt, seine gesamte Umgebung nach einer Lösung abzusuchen. Er wird kreativ, geht Risiken ein, sucht Arbeit, tauscht, handelt, fragt andere Menschen, baut etwas an oder versucht auf irgendeine andere Weise an das zu kommen, was er zum Überleben braucht.
Genau diese Fähigkeit kann durch Hilfe natürlich auch teilweise verdrängt werden, wenn Hilfe dauerhaft und ohne weitere Bedingungen zur einfachsten Möglichkeit wird. Dann entsteht eine andere Frage: Helfe ich einem Menschen gerade dabei, wieder selbstständig zu werden oder mache ich sein bestehendes Leben lediglich etwas reibungsärmer?
Und da wird es für mich sehr schwierig, eine allgemeingültige Antwort zu geben.
Denn auch Spenden haben Konsequenzen. Wir geben Geld und haben anschließend häufig das Gefühl, etwas Gutes getan zu haben. Das ist menschlich. Aber wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin, ist auch das nicht völlig uneigennützig. Ich spende auch, weil es sich für mich gut anfühlt, weil ich mein eigenes Gewissen beruhige oder weil ich das Gefühl haben möchte, etwas Sinnvolles getan zu haben.
Das klingt vielleicht erstmal egoistisch, aber ich sehe darin nichts grundsätzlich Schlechtes. Menschen handeln fast immer auch aus eigenen Motiven. Entscheidend ist für mich eher, dass man sich dessen bewusst ist und sich nicht selbst einredet, die eigene Handlung hätte keinerlei Nebenwirkungen oder Konsequenzen.
Genau deshalb sehe ich das Thema Spenden auch nicht in Schwarz und Weiß. Es gibt für mich keine einfache Formel wie:
„Geld geben = gut“
oder
„Kein Geld geben = schlecht.“
Es kommt darauf an, wem ich helfe, warum ich helfe, wie ich helfe und was dadurch anschließend passiert.
Das merke ich auch bei Bettlern auf meinen Reisen sehr stark. In Vietnam beispielsweise habe ich eine ganz andere Wahrnehmung davon entwickelt als beispielsweise auf den Philippinen. Wenn mir in Vietnam ein Mensch mit Behinderung auf der Straße eine Packung Kaugummi oder irgendeine andere Kleinigkeit anbietet und dafür etwas Geld möchte, gebe ich vergleichsweise gerne etwas.
Warum? Weil für mich dabei zumindest eine gewisse Form von Austausch stattfindet. Ich gebe nicht einfach nur Geld. Ich bekomme eine Ware. Vielleicht ist die Ware objektiv keine besonders gute wirtschaftliche Gegenleistung für den Betrag, den ich bezahle. Ntürlich spielt mein Mitgefühl dabei eine Rolle. Aber trotzdem findet ein kleiner freiwilliger Handel statt.
Und gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass diese Menschen nicht unbedingt versuchen, bei mir eine große Moralgeschichte auszulösen. Sie sagen nicht: „Du bist ein guter Mensch, wenn du mir Geld gibst.“ Sie versuchen eher, mir etwas anzubieten. Ich kann entscheiden, ob ich es haben möchte.
Das finde ich persönlich interessant, weil es für mich einen Unterschied macht zwischen „Ich gebe dir etwas, weil du arm bist“ und „Du hast etwas und ich entscheide mich, dir dafür etwas zu geben.“
Auf den Philippinen habe ich dagegen teilweise Situationen erlebt, in denen sehr viele Kinder einfach nur die Hand aufgehalten haben. Und da merke ich bei mir eine deutlich größere Zurückhaltung. Nicht weil ich diese Kinder weniger wertschätze oder weil ich ihre Situation nicht schlimm finde. Sondern weil ich mich frage, welches Verhalten ich mit meiner Handlung eigentlich verstärke.
Wenn ich einem Kind Geld gebe, weil es bettelt, habe ich vielleicht gerade geholfen. Vielleicht habe ich aber gleichzeitig auch einen kleinen Anreiz geschaffen, dass genau dieses Verhalten weitergeführt wird. Und wenn viele Menschen dasselbe tun, kann daraus irgendwann sogar ein ganzes System entstehen.
Das bedeutet nicht, dass ich deshalb nie etwas gebe. Natürlich kaufe ich mir mit manchen Handlungen auch ein Stück weit ein gutes Gefühl.
Das gehört für mich zur Ehrlichkeit dazu. Aber ich bekomme eben teilweise trotzdem etwas zurück, sei es eine Packung Kaugummi, eine kleine Ware, eine Dienstleistung oder einfach einen kurzen menschlichen Kontakt.
Deshalb finde ich den Gedanken „Value for Value“ eigentlich ziemlich interessant. Nicht weil jede Hilfe einen exakt messbaren Gegenwert haben muss, sondern weil zwischen zwei Menschen zumindest ein freiwilliger Austausch stattfinden kann.
Und vielleicht ist das auch der Grund, warum ich mit pauschalen Aussagen über Spenden inzwischen vorsichtiger bin. Geld kann helfen. Geld kann aber auch Abhängigkeiten schaffen. Geld kann Leben retten. Geld kann aber auch Strukturen stabilisieren, die langfristig gar nicht gut funktionieren.
Und manchmal ist die beste Hilfe vielleicht Geld. Manchmal ist es Essen. Manchmal Bildung. Manchmal eine Arbeitsmöglichkeit. Manchmal ein Werkzeug. Manchmal einfach ein Mensch, der jemandem eine Chance gibt.
Ich glaube deshalb nicht, dass man das Thema Spenden mathematisch auf einen bestimmten Prozentsatz des Einkommens reduzieren kann. 5 %, 10 % oder 0 % sagen für sich genommen noch gar nichts darüber aus, ob die Hilfe tatsächlich sinnvoll ist.
Für mich ist die viel interessantere Frage: Was bewirkt meine Hilfe beim anderen Menschen?
Macht sie sein Leben nur für den heutigen Tag leichter? Oder gibt sie ihm gleichzeitig die Möglichkeit, morgen etwas selbstständiger zu sein?
Und auch hier gibt es natürlich keine absolute Antwort. Manchmal ist die unmittelbare Hilfe genau das Richtige. Manchmal ist die langfristige Hilfe wichtiger. Und manchmal wissen wir schlicht nicht, welche Konsequenzen unsere Handlung haben wird.
Vielleicht ist genau das der Punkt, den ich durch meine Reisen gelernt habe: Wir können die Welt nicht vollständig kontrollieren. Wir können nur bewusst entscheiden, welche Konsequenzen unserer eigenen Handlungen wir bereit sind zu tragen.
Deshalb spende ich nicht nach einer festen moralischen Formel. Ich schaue mir die Situation an, entscheide aus meinem eigenen Empfinden heraus und akzeptiere, dass auch meine Hilfe Konsequenzen haben kann. Das ist für mich weder besonders gut noch besonders schlecht. Es ist einfach menschlich.