Naja, hier musst du auf die Zeitskalen aufpassen, über die du redest.
Jedes Objekt, egal ob es ein Mensch, ein Staat oder eine Firma ist, hat einen Lebenszyklus. Also natürlich versuchen all diese Objekte so lange wie möglich zu leben, aber für manche ist irgendwann eben die Zeit gekommen…
Aber diese makroskopische Entwicklung kannst du auch mikroskopisch beschrieben: Ein Staat oder eine Firma besteht aus vielen Menschen, ein Mensch besteht aus vielen Zellen, usw. Jedes dieser Objekte hat eine andere Lebensspanne: Menschen leben länger als die eigenen Zellen, Staaten leben normalerweise länger als seine eigenen Menschen usw. Die durchschnittliche Lebenszeit ist also von größeren Objekten auch durchschnittlich länger als die Lebenszeit der Bestandteile, aus denen die großen Objekte bestehen. Das ist eigentlich klar: Ein Auto kann repariert werden und muss ja nicht mit einer einzelnen kaputten Scheibe auch komplett vernichtet werden.
Die Evolution bzw. das Selektionsprinzip tritt aber für jedes dieser Objekte zu, egal ob für Menschen oder für Staaten. Bedeutet wir haben eine individuelle Evolution innerhalb eines Menschen genauso wie eine individuelle Evolution innerhalb von Staaten (oder eine individuelle Evolution innerhalb von Autos, denn natürlich kannst du die durchschnittliche (wahrscheinliche )Lebensspanne eines Autos erhöhen wenn du die Bestandsteile des Autos gut reparierst bzw. lieber hochwertigere Teile einbaust als minderwertiges zu verwenden).
Und genauso haben wir eine individuelle Evolution von einem Mensch aber auch eine individuelle Evolution der Menschheit. Wenn du als Mensch mit der Menschheit wechselwirkst (oder als Deutscher mit dem deutschen Staat), dann kannst du dich immer entscheiden: Machst du jetzt eine Aktion die gut für dich ist, aber schlecht für die Menschheit oder machst du eine Aktion, die dich vielleicht schlechter stellt, dafür aber die Menschheit vorran bringt. Wobei man immer auch sagen muss, dsas der individuelle Mensch ja ein Teil der Menschheit ist. Ihn zu stärken kann also genauso die Menschheit stärken. Die Frage ist dann: Kostet es mehr, allen Menschen etwas wegzunehmen um einen Menschen zu stärken als es den einen individuellen Menschen vorran bringt oder nicht. Daran entscheidet sich, ob die Gesellschaft voran kommt oder eben nicht. (Bei Bienen oder Ameisen ist das Volk auf die Königen ausgerichtet und es kann funktionieren, wie die Natur zeigt.)
Ich glaube hier sind wir an einem Punkt angelangt, wo wir nicht mehr an dem Bergriff der Macht vorbei kommen. Denn genau hier setzt die Thermodynamik der Macht an. Ich habe versucht den Begriff explizit aus meinen Argumenten rauszuhalten, aber er ist eben zu fundamental in meiner Denkweise.
Ich definiere einen Zahlenwert namens Macht der angibt, wie stark oder groß die Handlungsmöglichkeiten eines Objektes sind. In der Physik würde man diese Zahl Energie nennen, aber es geht hier ja explizit nicht um rein physikalische Vorgänge.
Wenn du dir jeden Menschen vorstellst wie mit einem Energie-Wert gekennzeichnet (sein Machtwert), dann können die Menschen ihre Macht miteinander austauschen. Dieser Begriff hat den Vorteil, dass wir nicht mehr davon sprechen, ob irgendwas gut oder schlecht ist, sondern ob irgendwas die Macht des Objektes (also die Handlungsfähigkeit oder der Einflussbereich in unserem System) vergrößert oder verringert.
Jede beliebige Handlung in beliebigen System kostet dem handelndem Akteur etwas seiner Macht, verringert also seinen Handlungsspielraum. Und wenn die Macht eines Akteurs vollständig aufgebraucht ist, dann stirbt der Akteur was bedeutet, er zersetzt sich in seine Bestandsteile (er kann quasi die Bindungsenergie für seine eigene Struktur nicht mehr bereitstellen).
Damit ein Akteur also nicht abstirbt (denn alleine die Interaktionen mit seinen Bestandsteilen kostet ihm Macht und lassen ihn über die Zeit schwächer werden), muss jeder beliebige Akteur es schaffen im System wieder an Macht zu kommen. Diese Macht kann von außen dazu kommen aber der Akteur kann diese Macht auch von anderen handelnden Akteuren aus dem System bekommen.
In realistischen Systemen (also diejenigen Systeme, die die Realität möglichst genau beschreiben können sollen) kann Macht nicht erzeugt oder vernichtet werden, sie kann nur von einem Akteur auf andere Akteure durch Handlungen, Aktionen oder Fähigkeiten übertragen werden.
Mit diesen wenigen Axiomen: Systeme, Objekte, Handlungen und Machtwerte kann man nun jedes System in der Zeit entwickeln und schauen, wie die Macht sich im System verhält: Wo (in welchen Akteuren/Objekten) sammelt sie sich, zentralisiert die Macht auf einen Punkt (dem König oder Monarch) oder dezentralisiert die Macht sich gleichmäßig auf alle im System befindlichen Akteure usw.
und aus dieser Thermodynamik der Macht, in die alle Objekte verwickelt sind kann man dann weitere Gesetzmäßigkeiten ableiten. Beispielsweise gibt es eine Obergrenze an Macht, die Objekte halten können. Denn wie in der Physik bedeutet ein großer Unterschied in der Macht auch ein starker Abfluss von Macht (Machtdissipation). Wenn die Macht also komplett an einem Punkt zentralisiert ist, dann fließt die Macht über die Zeit von diesem zentralen Punkt ab. Das kann man vereinfacht gesagt so sehen: Wenn der zentrale Akteur alle Macht hat, dann bedeutet ja jede Handlung ein Machtverlust weil er ja immer Macht dafür abgeben muss, aber keine entsprechenden Machtwerte dagegen einsammeln kann.
Entgegen der Machtdissipation gibt es aber auch den gegenteiligen Effekt: Die Machtkonzentration. Wenn alle Objekte im System exakt den gleichen Handlungsspielraum haben, dann ist es sinnvoll, wenn sich einige Akteure zusammenschließen um zusammen mehr Macht zu haben gegenüber Akteuren, die sich nicht entsprechend zusammen tun. Und wenn dieser Zusammenschluss (Gruppe) schonmal mehr Macht hat, dann können sie auch durch Machtkämpfe weiter an Macht kommen und somit immer größer werden.
Beide Effekte, die Machtdissipation als auch die Machtkonzentration wirken aber immer gleichzeitig. Die Machtkonzentration kann also nicht über ein bestimmtes Maximum gehen, weil ansonsten mehr Macht aus dem Objekt „abgestrahlt“ wird als das Objekt wieder einnehmen kann. Wie können trotzdem größere und mächtigere Strukturen entstehen? Ganz einfach, indem sich die mächtigsten Strukturen wieder zusammenschließen und Gruppen bilden.
Diese Machtdynamik findet wie gesagt auf allen Ebenen statt, in der Ebene der Atome, die sich zu Molekülen zusammenschließen, in der Ebene der Zellen, die sich zu Menschen zusammenschließen oder in der Ebene der Staaten, die sich zu Bündnissen zusammenschließen (und auf allen Ebenen dazwischen wie z.B. Organe, Kommunen, Firmen, Religionsgemeinschaften…)
Jedes der Akteure kann Macht gewinnen durch Angriff oder Kooperation. Ein Angriff stiehlt die Macht anderer Akteure, gegen die man sich natürlich wehren muss oder den Machtabfluss mittels Wohlstand (Machtreserven) verkraften muss, ansonsten stirbt man. Kooperation hat den Vorteil, dass man die Machtreserven Anderer verwenden darf, dafür aber auch seine eigenen Machtreserven abgeben muss. Solange diese Macht also nicht gleichzeitig benötigt wird ist das ein Vorteil. Also wenn sich z.B. zwei Menschen einen Mantel teilen, dann können beide den Mantel ab und zu benutzen. Solange sie nicht gleichzeitig den Mantel haben wollen liegt der Vorteil darin, dass beide nur einen Mantel bezahlen müssen, sie müssen also weniger Macht ausgeben als wenn beide jeweils einen Mantel kaufen/erstellen müssten. Kooperation macht also ersteinmal nicht direkt mächtiger, aber effizienter im Umgang seiner eigenen Macht.
Diese Machtdynamik ist sehr mit dem Selektionsprinzip und damit der Evolution verbunden: Der Mächtigere aber auch der Effektivere hat einfach Vorteile im Leben und kann seinen Willen jedem nicht so mächtigen aufdrängen. Wenn ein Objekt also in der Welt überleben will, dann muss es an Macht kommen oder effektiv genug mit seiner gegebenen Macht umgehen. Die Alternative ist der Tod oder böse gesagt die Ausradierung aus der Geschichte, denn von den meisten Verlierern bekommen wir nichts mit, nur von den mächtigeren Strukturen die überleben können. Wir bekommen also nur von den Objekten was mit, die es geschafft haben ausreichend lange zu überleben damit wir ihre Struktur nachweisen können.
Du hast also recht: Die Worte „Gut“ oder „Schlecht“ sind nicht unbedingt die besten Wörter. Was damit aber wirklich gemeint ist ist: Steigt die Macht des Objektes dann ist es evolutionär gut für das Objekt. Aber sinkt die Macht des Objektes, dann ist es evolutionär schlecht für das Objekt.
Solange man aber nur die einzelnen Zeitpunkte betrachtet, kann man denken dass es einfach das Beste ist, immer und jederzeit versuchen so viel Macht wie möglich zu erlangen. Das ist eine Überlebensstrategie, aber nicht zwangsweise die Strategie, die über die Zeit die meiste Macht bringt.
Manchmal ist es eben sinnvoller erstmal auf etwas Macht zu verzichten um in Zukunft deutlich mehr Macht zu bekommen. Beispielsweise kann man eine Haselnuss sofort aufessen, wenn man sie bekommt. Dann verleibt man sich die Macht der Nuss sofort ein, man reduziert die Macht der Nuss (sie stirbt ab) und erhöht die eigene Macht. Aber wenn man zum aktuellen Zeitpunkt auf die Nuss verzichten kann und sie für den Winter aufhebt, dann könnte die Nuss deutlich effektiver eingesetzt werden als zum aktuellem Zeitpunkt (bzw. weil andere Nahrung wie Obst bis dahin vergammelt sein könnte). Oder man könnte sogar ganz auf die Macht der Nuss verzichten in der Hoffnung, dass daraus ein Nussbaum wächst, der einem in Zukunft noch deutlich mehr Macht (mehr Nüsse) spendet als es die einfache Nuss hätte machen können.
(Und das geht, weil die Macht der Nuss deutlich geringer ist als die Macht des Menschen, deswegen können wir normalerweise eine Nuss problemlos angreifen ohne mit großen Problemen rechnen zu müssen. Aber auch die Nuss kann sich verteidigen, z.B. mit Krankheitserreger usw.)
Die Zeitpräferenz vom Machtkonsum und Machtinvestition spielt also eine große Rolle und führt zur Geld-/Zinstheorie.
um mit dieser langen Vorrede auf den eigentlichen Punkt deiner Frage zurück zu kommen: Warum gehen Länder auf und wieder unter?
Wenn du dir die Dynamik der Machtflüsse anschaust, dann ist ganz klar zu erkennen, das Länder dazu streben zu zentralisieren. Das ist ja logisch weil eine zentrale Machtstruktur eben mächtiger ist (also mehr Handlungsspielraum hat) als eine dezentrale Machtverteilung. Diese setzt sich nach dem Selektionsprinzip mit der Zeit gegen nicht so mächtigere Akteure durch. Dadurch entsteht aber wegen der Dynamik ein Machtgefüge, das die Macht deutlich mehr zentralisiert hält, als die Struktur überhaupt verkraften kann, es ist quasi ein überschießen in der Zentralisation, die sich der Akteur aber nicht langfristig leisten kann. Bedeutet der Machtdissipation nach: Die zentrale Stelle verliert wieder mehr Macht als sie einsammeln kann.
Wenn das aber der Fall ist, dass mehr Macht ausgegeben wird als eingenommen wird, dann bedeutet es, das Lebewesen / der Akteur / das Objekt mit der Zeit wieder schrumpft, Wohlstand abbaut oder ärmer wird. Es gibt dabei nur 2 Wege diesen Prozess aufzuhalten: Entweder es nimmt wieder mehr Macht ein oder es reduziert seine Machtausgaben bzw. Handlungen. Dieser Prozess ist also ersteinmal (ohne Störung) über die Zeit eine Schwingung um den Maximalwert.
Speziell Staaten haben aber das Problem, dass sie nicht einfach ihre Staatsausgaben senken können weil sich dadurch immer ein großer Widerstand gegen die Senkung bildet (jede Senkung der Staatsausgaben bedeutet wieder Unterakteure, denen Macht weggenommen wird und die sich dagegen entsprechend wehren). Gleichzeitig bedeutet aber eine Einkommenserhöhung für den Staat, (solange er nicht aus dem Ausland subventioniert wird wie z.B. die USA mit dem Dollarsystm), dass die eigenen Bürger mehr ihrer Macht abgeben müssen (egal durch Steuer oder durch Inflation und ersteinmal egal wer die Steuer bezahlt, es wird der Gesamtbevölkerung entzogen). Solange die Bürger also selber Macht haben für ihr eigenes Überleben kann der Staat ihnen problemlos weitere macht abzwängen, aber umso mehr Macht der Bevölkerung fehlt, desto weniger Gut können sie selber leben…
Das ist eine Zwickmühle für einen Staat, die solange besteht, wie er noch Wohlstand hat, von dem er zähren kann. Ist dieser Wohlstand aber aufgebraucht und kann der Staat sich nicht mehr weiter finanzieren, dann zerfällt er. z.B. in einem Bürgerkrieg. Oder ein Nachbarland bemerkt die Schwäche und versucht einen Angriff (Machtkampf).
Alle Objekte im System vollführen also eine ständige Wechselwirkung des Machtaustausches, entweder freiwillig indem Einer eine Machtform verliert und dafür eine andere Machtform bekommt und der Andere entgegengesetzt eine Machtform bekommt und dafür die Andere verliert. Aber beide sind dabei nicht großartig ärmer geworden durch so einem Handel, keiner verliert oder gewinnt Gesamtmacht. Falls ein Akteur durch so eine Aktion aber mächtiger wird bedeutet es nach der Machterhaltung, dass der Andere an Macht verliert, das ist eben ein Angriff, den der mächtiger werdende herbeiführen will, der schwächere sich aber davor schützen muss.
Hier siehst du vielleicht, warum ich das Wort tendenziell benutze. Natürlich sterben immer wieder Objekte ab und neue Objekte werden erstellt in einem ständigen Fluss der Zeit. Aber mit der zeit bilden sich eben auch immer mächtigere Strukturen, die natürlich auch wieder vergehen können.
Die Evolution hat mit dem bevorzugen von mächtigeren Objekten also eine Asymmetrie in diese Wechselwirkung der Macht eingebaut die es über die Zeit erlaubt, dass die Objekte immer mächtiger werden. Die Tendenz macht zu gewinnen ist also stärker ausgeprägt als die Macht wieder zu verlieren. Das bedeutet explizit nicht, dass immer und überall die Macht nur monoton ansteigt, aber in Zeiträumen die länger als die Lebensspanne der Objekte ist gibt es eben diese beschriebenen Trends.
Und diese Lebensspannen sind eben sehr unterschiedlich, vom aller kleinsten bis zum aller größten. Betrachtest du nur einen Menschen, dann wächst seine Macht bis vielleicht 30 Jahren an und nimmt dann mit der Zeit wieder ab. Aber jeder Mensch besteht ja wieder aus kleineren Machtpunkten, die in dieser Zeit viele eigene Lebenszyklen durchleben. Dieses Wabern der Macht im Kleinen bildet aber die statistisch gemittelte Macht des Großen. Schaut man sich also kleinere Lebensabschnitte des Menschen an, dann kann die Macht mal ansteigen und wieder abfallen, je nachdem ob mal mehr oder weiger Zellen erstellt werden oder ob sogar Zellen absterben. Diese kleinen Schwankungen mitteln sich aber tendenziell zu einem Wachstum zusammen (solange der Mensch auch noch wirklich wächst).
Und das gleiche Prinzip hast du bei einem Staat, nur dass die kleinen Zellen jetzt die einzelnen Menschen sind, die mit ihrer individuellen Macht untereinander jederzeit Interagieren und ihre Macht austauschen. Dabei werden eben einige Menschen „zufällig“ mächtiger und Andere weniger mächtig, einige schließen sich zu Gruppen zusammen, Andere bleiben einzeln und in Summe bilden sie mit ihrer wabernden Machtverteilung dann den Staat.
Die mächtigen Strukturen leben länger und die weniger mächtigen Strukturen sterben aus Machtmangel ab. Übrigens: Dieses Konzept findet nicht nur bei (bekannten) Lebewesen statt: Bei Luftblasen im siedendem Wasser oder bei der Entstehung von Sonnensystemen kannst du das gleiche Prinzip anwenden: du musst nur die Akteure im System finden und analysieren, wie die Macht oder die Energie von den Objekten ausgetauscht wird. Welche Objekte bleiben dann als die Mächtigsten stehen und welche schaffen die evolutionäre Reise nicht mehr und gehen unter?