Verständnisfrage zu einem Steuerrechnungsbeispiel aus dem Steuer FAQ

Hallo zusammen,

nach längerer Zeit melde ich mich mal wieder zu Wort. Ich habe das Steuer FAQ erneut angeschaut, und mir erschließt sich eine bestimmte Rechnung nicht. Hier das Zitat aus dem FAQ:

Sagen wir, Du fängst mit 1 BTC (Preis: 30.000€) an.
Du tauschst in den Coin X, Coin X verdoppelt sich, Du tauschst zurück und hast 2 BTC.
Bei diesem Trade hast Du 30.000€ Gewinn erwirtschaftet (weil Du ja aus 1 BTC 2 BTC gemacht hast) und diese 30.000€ sind zu versteuern.
Weil die Preise im Bullenmarkt ständig nach oben und nach unten gehen, kannst Du diesen Vorgang 5x mit Coin X, Coin Y und Coin Z machen.

Trade = 30.000€ Gewinn (BTC-Preis: 30.000€ => 1 BTC → 2 BTC)
Trade = 100.000€ Gewinn (BTC-Preis: 50.000€ => 2 BTC → 4 BTC)
Trade = 280.000€ Gewinn (BTC-Preis: 70.000€ => 4 BTC → 8 BTC)
Trade = 720.000€ Gewinn (BTC-Preis: 90.000€ => 8 BTC → 16 BTC)
Trade = 1.920.000€ Gewinn (BTC-Preis: 120.000€ => 16 BTC → 32 BTC)

Insgesamt hast Du einen Gewinn von ~3 Mio. Euro erwirtschaftet. Davon zahlst Du 1.405.919 Euro Einkommensteuern plus Solidaritätszuschlag.

Beim Peak hat BTC einen Preis von 120.000€
Du hast 32 BTC, die zu dem Zeitpunkt einen Gegenwert von ca. 3.840.000€ haben.
„Kein Problem“, denkst Du Dir, „1,4 Mio Euro zahlen, wenn ich 3,8 Mio Euro habe?! Läuft.“
Doch dann knallt’s und der Markt geht nach unten.

[…]

In Deiner Steuererklärung steht ein Gewinn von 3,8 Mio Euro, also will das Finanzamt 1,4 Mio Euro von Dir haben. Bis Du realisierst, was überhaupt passiert ist und wieso der Kurs so gefallen ist, steht der BTC-Preis vielleicht schon bei 40.000€

Du verkaufst Deine BTC und hast 1,28 Mio Euro (32 * 40.000€)
Es fehlen Dir somit ~200.000€, um Deine Steuerschuld zu zahlen und ganz plötzlich hast Du ein f*cking Problem!

Ich werde im Folgenden erläutern, wo ich glaube, einen Fehler zu erkennen. Bitte dort korrigieren, wo ich auf dem Holzweg bin.

Das erste Problem sehe ich hier beim Satz "Bei diesem Trade hast Du 30.000€ Gewinn erwirtschaftet (weil Du ja aus 1 BTC 2 BTC gemacht hast) ". Eigentlich habe ich doch 30.000€ Gewinn gemacht, weil ich durch den Verkauf des Bitcoins im Wert von 30.000€ eine Coin X zu einem bestimmten Preis gekauft habe (+/- 0€), und diese Coin X dann zum doppelten Preis wieder verkauft habe (+30.000€). Dass ich dabei die Anzahl der Bitcoins verdoppelt habe, ist Nebensache. Hätte ich Coin X nicht für 2 Bitcoin verkauft, sondern für 20 Ether (die insgesamt einen Wert von 60.000€ haben), hätte ich ebenso 30.000€ Gewinn gemacht.

Warum ist das wichtig? Weil jede einzelne Transaktion nach Gewinn und Verlust bewertet wird und verrechnet wird (nicht allein die Wertsteigerung eines bestimmten Coins, die man hält). Macht man also bei der ersten Transaktion 1000€ Gewinn (z.B. wenn man die für 30.000€ gekaufte Coin X gegen einen BTC im Wert von 31.000€ eintauscht), bei der folgenden Transaktion aber 500€ Miese (z.B. wenn man den für 31.000€ gekauften BTC für 15 Ether im Wert von 30.500€ verkauft), kann man diese 500€ Verlust geltend machen und hat zu diesem Zeitpunkt nur 500€ zu versteuern.

In dem Beispiel aus dem Steuer FAQ hat die Person vermeintlich ins Klo gegriffen, weil sie 1,4 Mio € zu versteuern hat, aber nach dem Kurssturz die 32 BTC für nur noch 1,28 Mio € verkauft hat. Aber sollte hier nicht vorher die Verlustverrechnung stattfinden? Dann wird von den rund 3,8 Mio. Gewinn, die bisher erwirtschaftet wurden, der Verlust aus der letzten Transaktion (dem Verkauf der 32 BTC für den gesunkenen Kurspreis) gegengerechnet. Der Besitzer endet also im Beispiel nach wie vor mit 1,28 Mio €, jedoch sind auch nur diese zu versteuern, weil das der Nettogewinn ist.

Der einzige Fall, in dem das Horror Szenario aus dem FAQ meiner Meinung nach eintreten kann, ist folgender: Klaus macht im Steuerjahr 1 die 3,8 Mio € Gewinn. Dann bricht ein neues Steuerjahr an. Klaus vergisst, den Steuerbetrag von 1,4 Mio € aus seinem BTC Portfolio in Fiatwährung zu tauschen. Dann rauscht der BTC Kurs ab. Klaus verkauft seine BTC für 1,28 Mio €. Er hat nun rund 200.000€ Schulden, ein Fall für Peter Zwegat. Aber selbst hier frage ich mich, ob die 2,52 Mio € Verlust der letzten Transaktion nicht unter Umständen mit dem Gewinn aus dem Vorjahr verrechnet werden können.

Fazit: Verlust machen ist kein Problem, solange alles in einem Steuerjahr vorkommt. Vielleicht meinte das FAQ das auch, es kam aber zumindest in dem Beispiel nicht 100%ig rüber. Oder, ich habe einen Denkfehler.

Es gibt auch noch den Verlustrücktrag und Steuern sind vor allem dann kein Problem, wenn du regelmäßige Gewinne hast.

Das Beispiel ist in der Tat sehr konstruiert aber nicht undenkbar. Keine Rückstellungen für Steuerschulden zubilden, zeugt aber nicht gerade von PoW im Oberstübchen und wenn jemand solche Summen tradet, ist hoffentlich niemand so dumm.