Sprache und Veränderung

Folgendes Zitat lief mir heute in die Timeline:

winning an argument is not more important than preserving the relationship. - Airbnb CEO

Wen von Euch spricht es noch an?

Mir spricht das Zitat aus der Seele, weil ich zutiefst davon überzeugt bin, dass Veränderung nie nachhaltig gegen den Willen anderer gelingen kann, sondern nur miteinander.

In diesem Forum beobachte ich, dass Argumente gelegentlich durch Beschimpfungen ersetzt werden. Da Beschimpfungen eine Form von Gewalt sind und diese zu Selbstverteidigung in Form von Gegengewalt führt, steht Selbstverteidigung einem Perspektivenwechsel immer im Weg.

Oder um es mehr psychologisch auszudrücken: positive Gefühle gehen der Veränderung voraus (z.B. Hoffnung), negative dem Erhalt des individuellen Status quo.

Was denkt ihr darüber? Wie handhabt Ihr die verbale Gewalt anderer?

Ich bin ein großer Verfechter sachlicher Diskussionen und bedauere es sehr, dass die Diskussionskultur sowohl online aber auch in persona inzwischen so grottig ist, dass Diskutanten bei jedem noch so irrelevanten Thema direkt in Richtung ad hominem abdriften oder tatsächlich sogar ausfällig werden.

Gleichzeitig verursacht mir der Begriff „verbale Gewalt im Internet“ ebenso große Würgereize wie die in den letzten Monaten viel zitierte „virtuelle Vergewaltigung“. Wenn ich Trolle blocken und Antworten nicht lesen oder ausblenden kann, dann habe ich es selbst in der Hand, ob mich deren Worte erreichen. Und dann noch von „verbaler Gewalt“ zu sprechen hat eher mit der eigenen Opfermentalität als mit deren schlechter Kinderstube zu tun.

Bevor jetzt alle über mich herfallen: Ich beziehe mich in mit dieser Aussage ausschließlich auf öffentliche Internetforen und andere Formen digitaler Diskussionen, an denen man freiwillig teilnimmt.

Es ist ja ein Forum in deutscher Sprache. Noch eigenartiger finde ich aber wenn hier Zitate in Latein auftauchen. Normalerweise bin ich zu faul zu übersetzen.

Warum auch immer. Hier habe ich mir mal die Arbeit gemacht:

Einen Streit zu gewinnen ist nicht wichtiger als die Beziehung zu erhalten.

und wo wir schon einmal dabei sind :

in Richtung ad hominem abdriften = Die Sachebene wird verlassen: Statt auf das eigentliche Argument einzugehen, stehen persönliche Eigenschaften, Motive, die Herkunft oder Verhaltensweisen des Gegenübers im Vordergrund.

Ich finde das Zitat ziemlich treffend. Gerade weil ich Diskussionen nicht als Kampf verstehe, bei dem einer am Ende „gewinnen“ muss. Wenn ich jemanden von meiner Sicht überzeugen kann, aber dafür die Beziehung zerstöre, habe ich vielleicht sachlich gewonnen und menschlich trotzdem verloren.

Allerdings würde ich noch einen Schritt weitergehen: Eine Beziehung zu erhalten bedeutet für mich nicht, jede Diskussion zu vermeiden oder dem anderen immer recht zu geben. Im Gegenteil.

Manchmal gehört gerade eine offene Auseinandersetzung dazu. Entscheidend ist für mich, ob ich noch mit dem Menschen gemeinsam nach der Realität suche oder ob ich nur noch meinen eigenen Standpunkt verteidigen möchte.

Und da sehe ich auch das Problem mit persönlichen Angriffen. Sobald aus „Ich sehe das anders, weil …“ ein „Du bist halt …“ wird, verlässt man die Sachebene. Dann wird nicht mehr das Argument angegriffen, sondern die Person. Und damit wird ein Perspektivwechsel natürlich schwieriger, weil der andere sich plötzlich selbst verteidigen muss.

Bei dem Begriff „verbale Gewalt“ bin ich allerdings etwas vorsichtiger. Nicht jede unfreundliche oder dumme Aussage würde ich gleich als Gewalt bezeichnen. Gerade im Internet kann ich sehr viel davon selbst filtern: Ich kann antworten, ignorieren, blockieren oder die Diskussion beenden. Das ist für mich etwas anderes als tatsächliche Gewalt.

Was ich aber interessant finde: Warum müssen wir überhaupt gewinnen?
Was habe ich davon, wenn ich am Ende Recht habe, aber der andere mich nicht mehr hören kann?

Vielleicht ist eine gute Diskussion nicht die, bei der einer den anderen besiegt, sondern bei der beide danach etwas mehr verstehen als vorher.

Manchmal gehört dazu auch, am Ende zu sagen: „Okay, da lag ich vielleicht falsch.“
Das empfinde ich übrigens nicht als Schwäche. Für mich ist das eher ein Zeichen dafür, dass mir die Realität wichtiger ist als mein eigenes Ego.

Auch ein „Dann sehen wir beide das eben völlig unterschiedlich.“ ist ein legitimer Gesprächsausgang. Es hängt von einem gesunden Selbstwertgefühl ab, ob man mit seiner eigenen Meinung leben kann, ohne andere anzugehen, weil sie weiterhin ihre eigene vertreten. Wenn jemand nicht loslassen kann und mich überreden will oder konfrontierend persönlich wird, dann sehe ich das als sehr selbstoffenbarend an.

Wie seht Ihr anderen das?

Ich selbst wundere mich über solche Aussagen. Jeder ist mittlerweile für Framing sensibilisiert. Verbale Übergriffe sind auch eine Form von Framing. Doch anstatt die Sichtweise des Senders zu transportieren, arbeitet es gegen ihn.

Vorweg. Alles Blödsinn, fast jedes Streitgespräch ist Quatsch ^^

Die Leute sind viel zu unentspannt und schauen sich viel zu viel Nachrichten und Social Media an. Die Leute bekommen non-stop Meinungen und Ansichten in ihr Hirn gepflanzt und werden damit ermüdet, getrieben, zerrieben, mit Emotionen vollgepumpt und gegeneinander gehetzt. Und ändern können sie trotzdem nichts.

Mehr ist das doch nicht, wenn man es runter bricht.

Aber warum wird das dann immer noch so ausgeprägt, und gefühlt immer stärker, benutzt?

Weil man sich von echtem Framing nicht rational freimachen kann. Studien von beispielsweise Ariely zeigen, dass Testteilnehmer trotz Aufklärung über spezielle Frames und wie diese genau funktionieren, weiterhin im Sinne der Frames antworten.

Die Ergebnisse der Studie (Täuschvogel-Studie) sind im realen Leben aber nicht so ausschlaggebend gewesen, wie in der „Laborumgebung“. Darüberhinaus ist Ariely ja schon etwas umstritten.